„Wir sind Gedächtnis: Wie Erinnerungen bestimmen, wer wir sind“

blurred-background-casual-close-up-1807891.jpg

Von Hannes C. - Stipendiat 2019

In dem Roman Call Me By Your Name von André Aciman nimmt die Familie des Protagonisten jedes Jahr im Sommer einen Gast in ihr Haus auf, der dort sechs Wochen mit der Familie lebt, um ein Manuskript zu überarbeiten. Den das italienische Bordighera portraitierende, fiktionale Ort des Geschehens scheine ich ganz ähnlich wie das Château imaginiert zu haben, zumindest war ich kein bisschen überrascht zu erfahren, dass auch in Orion gelegentlich schreibende Sommergäste residieren. Eine inspirierende Grundatmosphäre mit pittoresken Details angereichert, sind meiner Assoziation einer nachdenklichen Auszeit sicherlich ebenfalls zuträglich gewesen.

Lernen findet in hohem Maße assoziativ statt – Erinnerungen können durch verschiedenste Sinneseindrücke hervorgerufen werden. Dies spiegelt sich in Marcel Prousts Madeleine-Szene wider, wie eine gezeichnete Madeleine in meinem Notizbuch und vormals Martin Korte mir berichteten. Eine olfaktorische Mischung aus Madeleine und Tee katapultiert den Erzähler in seine Kindheitserinnerungen zurück. Eine Wirkung, die einer Mischung aus Mehl, Puderzucker, Ei, Natron, Zitronenschale, Butter und Rum gemeinhin nicht zugeschrieben würde.

Wenn ich also einmal einen Gedächtnisverlust erleiden sollte, eine retrograde Amnesie beispielsweise infolge einer Alzheimer-Demenz, könnte es sein, dass ein bestimmter Geruch oder Geschmack meinen persönlichen Madeleine-Effekt hervorrufen würde. Geruchs- und geschmacksintensiv war die vergangene Denkwoche, was nach der Madeleine-Logik die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, die konsolidierten Erinnerungen abrufen zu können. Was umso leichter gelänge, je intensiver der die Gedächtniskonsolidierung begleitende Gefühlszustand gewesen ist. Ist ein intensives Geruchs- und Geschmackserlebnis, verbunden mit intensiven Gefühlen und dem eigentlichen Lernen nun das ultimative Schweizer Inbusschlüsseltaschenmesser der Erinnerung?

Kapuzinerkresse, die zusammen mit anderen essbaren Blumen eine Blütenbutter formte, wäre eine Kandidatin für meine persönliche Madeleine. Eine ungewöhnliche Verbindung, Butter und Blüten, etwas, das man nicht unbedingt vermuten würde – wie neurowissenschaftliche Themen auf dem Land, in Frankreich. Etwas, dass mir als Psychologiestudent vertraut vorkommt (Neurowissenschaften, Butter) vermischt mit etwas Inspiriertem, einem ästhetischen Substrat wie Blumen oder der Blick aus dem Seminarraum auf die Pyrenäen. Unterschiedliche Sinne ansprechendes Lernen ist erfolgreicher, meine Madeleine würdeergänzt durch das Lied „La Mer“ von Charles Trenet, welches mich die Woche über begleitete. Oder die Wassermusik von Händel an einem Morgen, an dem der Nebel auf den Hügel bis zu den Schlossfenstern kroch.

Ein weiterer mich begleitender Eindruck über die Woche bestand in einem Mittendrinsein, in den Seminareinheiten, in der Schlossküche, im Service, die Erfahrung einer einzigartigen Gastlichkeit. Die vielen Küchengespräche, die sich ergaben und der Austausch mit den Seminarteilnehmer*innen in diesem Mittendrin erlebte ich als besonders bereichernd.

Die wichtigste Erkenntnis bestand für mich zweifellos in einem veränderten Möglichkeitssinn in Bezug auf mein eigenes Gedächtnis, der durch einen inneren Paradigmenwechsel hinsichtlich des Lernens hervorgerufen wurde: Die meiste Zeit meines Schüler- und Studentenlebens ging ich implizit von der Lern- und Gedächtnisleistung als etwas Erschöpflichem aus, ein paar Stunden würde ich lernen, wäre dann müde und nicht mehr aufnahmefähig. Durch das Lernen aber können sich auch bei erwachsenen Menschen neue Nervenzellen bilden in einem Gehirnareal, das maßgeblich an Gedächtnisprozessen beteiligt ist und nebenbei die Form eines Seepferdchens hat. Dieses Nachwachsen von Nervenzellen (adulte Neurogenese) falsifiziert mein batteriehaftes, implizites Lernmodell und steht eher in Analogie zu einem trainierbaren Muskel. Je mehr ich lerne, desto mehr kann ich lernen. Diese fast tautologisch anmutende Einsicht mag banal klingen, doch trägt sie eine ebenso wichtige Implikation für mein weiteres Leben wie die Nachricht für einen langjährigen Ausdauerläufer, der zum ersten Mal hört, dass sich seine Kondition mit jedem Training verbessern kann. Doch hinkt der Ausdauerläufervergleich an einer entscheidenden Stelle. Es ist wesentlich voraussetzungsreicher, die Mechanismen zu verstehen, die hinter den Veränderungen der Gedächtnisfunktionen und der Bildung neuer Gedächtnisinhalte stehen, als die Mechanismen des Trainingszuwachses durch Ausdauerlauf. Dies wird auf prominente Weise durch die

anhaltende Popularität von Gedächtnistrainings wie „Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging“unterstrichen, welche über die Verbesserung in den spezifischen Gedächtnisspielen hinaus kaum transferable kognitive Verbesserungen bewirken. Viel mehr scheint die Lebensweise und das Lernen per se einen protektiven Effekt auszuüben, was ich, in meinem persönlichen Madeleine-Effekt konserviert, lebend lernend aus dieser außergewöhnlichen Woche mitnehme. Ich möchte dem Freundeskreis des Château d'Orion und insbesondere Elke und Tobi für diese besondere Erfahrung danken.

Hamburg, der 08.08.2019

Tobias Premauer