"Erfülltes Leben - Über Freiheit und Lebenskunst"
Ein Erfahrungsbericht über eine Denkwoche auf dem Château d’Orion 3. -9. Oktober 2010, Referent: Joachim Kunstmann
Was mich bewegt hat nach Orion zu reisen
Ich bin während meines Studiums schon vermehrt auf den Namen ‚Château d’Orion‘ gestoßen. Einige meiner Kommilitonen, wie beispielsweise Julia D., Jonas H., Tobias K. und Teresa P. haben dort ihr Auslandspraktikum absolviert und haben immer durchweg positiv vom ‚Château d’Orion‘ berichtet. Es schien fast so, als würde es immer mehr Studenten der Zeppelin University an diesen Ort ziehen. Durchunterschiedliche ‚Facebook-Nachrichten‘ dieser Personen wurde man immer öfter über das‚Château‘ und die Denkwochen mit so eindrucksvollen Persönlichkeiten, wie Egon Bahr informiert. Dieser Ort schien bei meinen Kommilitonen einen bleibenden und vor allen Dingen guten Eindruck hinterlassen zu haben. Ich war also schon seit gewisser Zeit auf das Château d’Orion aufmerksam geworden und immer sehr neugierig zu erfahren, was es nun genau mit diesem Ort auf sich hat. Ich habe mich darum, als ich von Teresa P. als Stipendiaten für die Denkwoche zum Thema ‚Erfülltes Leben – Über Freiheit undLebenskunst‘ mit Joachim Kunstmann vorgeschlagen wurde, entschlossen eine Bewerbung an den Freundeskreis Château d’Orion e. V zu schicken und konnte mit der finanziellen Unterstützung des Freundeskreises endlich einmal das Château d’Orion kennenzulernen.
Um die Tragweite dieser Entscheidung noch etwas zu dramatisieren - ich habe mich für diese‚Denkzeit‘ entschieden, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt (und immer noch) mitten in meiner Bachelorarbeit, also der Fertigstellung meines Studiums stecke. Ich habe mir aber nicht nur trotz der bevorstehenden Arbeitsreichen Phase diese Zeit genommen sondern gerade deswegen. Ich hatte, von den guten Berichten meiner Kommilitonen und der Internetseite inspiriert, das Gefühl, dass das Château d’Orion ein Ort ist, der es einem ermöglicht, vor so einer anstrengenden und nervenaufreibenden Phase des Lebens inne zu halten und zu reflektieren, was wirklich wichtig ist - Sich also gewissermaßen zu sortieren und die eigene Lebensweise durch die Auseinandersetzung mit der abendländischen Philosophie zu reflektieren. Um es ganz ehrlich zu sagen und die Erwartungen an diesen Ort und die Denkwoche in ihrer Tiefe darzustellen: Ich hatte gehofft für mein zukünftiges Leben Antworten zu finden. Dieses Gefühl und dieser Wunsch hingen auch entscheidend mit der Themenwahl der Woche und dem Eindruck den der Referent Herr Kunstmann in den Beschreibungen gemacht hat zusammen. Es schien mir besonders reizvoll mich der Frage nach einem erfüllten Leben in diesem Rahmen zu widmen und aus der philosophischen
Perspektive zu beleuchten. Dass der Referent ein Theologie Professor ist, machte die Sache für mich umso spannender. Vor allem da ich denke, dass wir in unserem zuweilen sehr hektischen und rational geprägten Leben, ein sehr starkes Bedürfnis nach einer Orientierung haben, wie sie in der Religiosität vorzufinden ist. Sich einmal aus der zuweilen sehr hektischen Realität des Alltags mit allen dazu gehörigen Verpflichtungen und dem dazugehörigen Zeitmanagement rauszuziehen und sich voll und ganz der Frage zu widmen, wie ein erfülltes Leben zwischen Freiheit und Lebenskunst gestaltet werden kann, erschien mir kurzum mehr als erstrebenswert.
Was ich vorgefunden habe - Das Denkschloss
Ich kam nach einer langen Reise am 3. Oktober 2010 in Orthez am Bahnhof an und wurde gemeinsam mit Herrn Kunstmann von der Schlossherrin Elke Jeanrond-Premauer sehr herzlich am Bahnhof begrüßt und zum Schloss gebracht. Es war bereits dunkel und zudem sehr stürmisch. Die Umgebung war nur schlecht zu sehen. Dafür strahlte das Schloss mit seiner Beleuchtung, dem Hund der in der Eingangshalle lag und den Menschen, die bereits am Tisch saßen und sich angeregt unterhielten eine unheimlich einladende Atmosphäre aus, die mich sofort ankommen ließ – dazu muss man vielleicht auch sagen, dass mich auf dem Schloss neben den noch vielen unbekannten Menschen, einige liebgewonnene Freunde begrüßten.
Die stürmische Wetterlage hielt auch an unserem ersten Denktag an und verbreitete eine sehr urige Stimmung des Geborgenseins in den liebevoll und interessant gestalteten Räumen des Schlosses. Im Verlauf der Woche sollte sich das Château d’Orion aber auch von seiner sonnigen Seite präsentieren, die zu Diskussionen und Gedankenspielen im freien einluden. Das Essen sollte an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben – da Essen ja bekanntlich die Grundlage für ein funktionierenden Körper und agilen Geist bietet. Und was soll ich sagen, das Essen auf dem Château d’Orion mit dem Gemüse aus eigenem Anbau war einevorzüglich Grundlage für die geistige Arbeit die innerhalb der Denkwoche geleistet wurde.
Geprägt wurde die Denkwoche nicht nur von der förderlichen Umgebung des Châteaus, sondern auch von den unterschiedlichen Menschen die in diesem Rahmen zusammengeführt wurden. Die Denkwoche ermöglichte das Zusammenkommen von Personen, die durch unterschiedliche Lebensphasen und Lebensentwürfe geprägt sind. Da die Atmosphäre des Schlosses dazu einlud sich sicher und geborgen zu fühlen, konnte in der Diskussion ein Bezug zwischen philosophischen Theorien und Gedanken zum eigenen Leben und dem Alltag der in der Moderne lebenden Individuen hergestellt werden. Damit wurden die Diskussion über ein erfülltes Leben durch vielseitige Perspektiven geprägt und machten die Denkwoche zu einem inspirierenden und geradezu grenzüberschreitendem Erlebnis.
In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen zumeist philosophischen Konzepten zur Freiheit und Lebenskunst wurde es mir ermöglicht, die Welt in der ich lebe, mit all ihren Vorzügen, aber auch Herausforderungen besser zu verstehen. Der Begriff ‚Freiheit‘, den ichbis dato nur in seinen positiven Aspekten begriffen hatte, wurde in diesem Prozess differenzierter und für mich in seiner ganzen Tragweite und schwere begreifbar. Freiheit impliziert in diesem Sinne nicht nur, dass alle Möglichkeiten dieser Welt mir offen stehen, sowohl in meiner uneingeschränkten Mobilität, als auch in den mir zur Verfügung stehenden technischen Errungenschaften der modernen Gesellschaft, sondern eben auch, dass diese mir gegebene Freiheit Ohnmachtsgefühle in mir auslöst. Freiheit ist eine Herausforderung und löst neben der positiven Konnotation mit dem Begriff auch tiefe Ängste und Sorgen in mir aus. Dabei steht es mir frei mich diesen Ängsten und Sorgen zu stellen und diese tiefen Empfindungen in der Auseinandersetzung mit mir selbst zu bearbeiten. Ich kann mich genauso dazu entscheiden dies nicht zu tun und mich in die viel gebotenen Gelegenheiten der Bedürfnisbefriedigung zu flüchten. Mit dieser vermeintlich auf Freiheit basierenden Entscheidung Flüchte ich jedoch viel mehr von der zu erreichenden inneren Freiheit, die für ein erfülltes Leben entscheidend ist. Schließlich kann man die Gedanken zur Freiheit auf zwei entscheidende Punkte reduzieren: Wenn man in seinem Leben ein absolutes Freiheitsideal anstrebt, muss man sich von allem was einen bindet frei machen und wird in der radikalen Ausführung dieses Versuchs zu einem vollkommen isoliertem Individuum. Flüchtet man auf der anderen Seite von der gegebenen Freiheit, zum Beispiel in die Bedürfnisbefriedigung hält man sich selbst im Überdruss der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gefangen. Eine andere Reaktion auf grenzenlose Freiheit kann auch sein, dass man versucht das ganze Leben, im Sinne einer Rationalisierung aller Entscheidungen und Möglichkeiten, im Griff haben zu wollen – auch dieser Versuch führt, ob bewusst oder unbewusst zu einer selbstgewählten Gefangenschaft eines rational entscheidbarem Lebens.
In der inhaltlichen Auseinandersetzung zur Lebenskunst ging es in der Folge nicht nur um die Frage, wie man ein auf Freiheit beruhendes Leben führen kann, sondern darum zu gucken, wovon man sich überhaupt frei machen muss, um ein erfülltes Leben führen zu können und woran man sich im Gegensatz binden kann, um ein solches Leben zu ermöglichen. Kürzer gesagt, in der Lebenskunst geht es entscheidend auch darum, die uns gegebene Freiheit zu kultivieren und zu ergründen, wie aus der Fülle der Freiheit geschöpft werden kann ohne von dieser übermannt zu werden.
Dazu ist es nötig ein im gesunden Maße reflektiertes Leben zu führen und sich auch bewusst zu machen, wodurch man im Leben geprägt wurde und immer noch ist. Eine gesunde Reflektion bedeutet auch seine ureigenen Sorgen und Ängste zu reflektieren, die oft auf traumatischen Ereignissen im Leben basieren. Auch wenn die Auseinandersetzung mit eben diesen Ängsten und Sorgen harte Arbeit bedeutet, ermöglicht die Bewusstwerdung des eigenen geprägt seins, sich selber zu verstehen und dadurch einen inneren Halt zu gewinnen. Hierzu gehört auch die Akzeptanz (und damit Verarbeitung) des eigenen Scheiterns in bestimmten Lebenssituationen. Wir sind alles Menschen, die durch unterschiedliche Ereignisse geprägt werden, die uns in gewissen Lebenslagen an der Erreichung von Zielen oder Wünschen hindern können. Entscheidend ist hierbei weniger, dass man an Aufgaben scheitert, sondern viel mehr, dass man dieses Scheitern akzeptiert, annimmt und reflektiert, um daraus schöpfen zu können. Sich den Schmerz der jedem Scheitern, jeder Angst und jeder Sorge innewohnt zu stellen, ist oftmals schon der erste Schritt zu der eigenen Befreiung. Denn die Umstände die uns zum Scheitern bringen, sind oft nicht die Dinge oder Umstände selbst, die sich uns in den Weg stellen, sondern unsere Einstellungen zu den Dingen. Auch wenn der Weg durch diese Erkenntnis erst beginnt, ist es der Weg zu einem erfüllten Leben.
Auf diesem Weg ist es dabei urmenschlich freiwillige Bindungen einzugehen – zu anderen Menschen, der Natur, der Kultur und nicht zuletzt zu seinem eigenen Körper. Freiwillige Bindungen in diesem Sinne machen nicht unfrei, sondern ermöglichen ein erfülltes Leben zwischen Freiheit und Lebenskunst und verleihen dem Leben einen tieferen Sinn, der jeher jedem Leben innewohnt. In diesem Prozess gilt es, nicht nur den Verstand als Wegweiser zu entdecken, sondern auch das eigene Herz zu öffnen und sprechen zu hören. Mein Herz weiß
bereits, was mir gut tut und was der Sinn in meinem Leben ist. Ich kann mir, meinem Gefühl und meiner Intuition vertrauen. Der Kopf wird durch das Herz erst geöffnet.
Was nehme ich mit
Ich fühle mich nach der Denkwoche auf dem Château d’Orion wieder tief mit mir selber undeinem entscheidenden Teil von mir verbunden. Die Denkwoche und die daran teilnehmenden Personen haben mir das Wiederentdecken einer inneren Lebenseinstellung geschenkt, die ich sonst nur in den intimen Gesprächen mit meiner Mutter austauschen konnte. Diese Lebenseinstellung hatte und habe ich natürlich immer in mir, sie war nur zeitweise unter sehr vielen Ängsten, Sorgen, Zweifeln und dem rationalen Funktionieren des schnellen Alltags vergraben. Ich wurde gewissermaßen aufgeweckt und habe das Châteaud’Orion mit einem erfrischten Lebensgeist verlassen, der auch zu einer intensiven Auseinandersetzung mit mir selbst geführt hat. Dieser erfrischte Lebensgeist ermöglicht es mir in der Auseinandersetzung mit den besprochenen Inhalten, ein erneutes Verhältnis zu mir selbst, meinen Aufgaben und den Beziehungen zu meinen Mitmenschen aufzubauen.
Abschließend kann man sagen, dass die Reise nach Orion ein Lichtblick für mich war, den ich nicht missen möchte. Die Erfahrungen, die ich bei dieser Denkwoche im gedanklichen Austausch mit den unterschiedlichsten Menschen gesammelt habe, sind, dem Thema entsprechend, wertvoll für mein Leben und ich werde sowohl die thematischen Diskussionen, als auch die Menschen die mit mir diese Denk- und in gewisser Maßen auch Auszeit verbracht haben, nicht vergessen.
Ich danke dem Freundeskreis Château d'Orion e. V. von Herzen für die Ermöglichung dieser Denkwoche. Ich kann Sie nur ermutigen diese Stipendien weiter zu vergeben. Sie tun so viel Gutes damit. Ich fühle mich dem Château d’Orion bereits nach dieser einen Woche sehrverbunden. Und mit dem Wissen, dass der Geist und die Seele auch wieder einschlafen oder unter der Hektik des Alltags vergraben werden können, strebe ich auch für meine Zukunft an, den Kontakt zu dem Schloss, Elke Jeanrond-Premauer und dieser Lebenseinstellung beizubehalten.