"Leben und Denken – Ein Gegensatz?" mit Rüdiger Safranski
Von Andreas K. - Stipendiat 2007
Es ist schwierig eine Woche voller intensiver Eindrücke und Erlebnisse in wenigen Sätzen zusammenzufassen und dennoch das Gefühl zu haben, das Wichtigste gesagt zu haben. Soviel ich in dieser Woche an Wissen über Literatur, Philosophie, Geschichte und Kunst erlangt habe, so wenig möchte ich auf diese inhaltlichen Sachen eingehen. Wissensvermittlung ist nicht der Kern der Erfahrung Orion, vielmehr eine erfreuliche Nebenwirkung, welche sich nur schwer vermeiden lässt.
Was diese Denkwoche zu einer nachhaltigen Erfahrung gemacht hat, von welcher ich noch heute zehre, waren andere Dinge. Ein wesentlicher Faktor ist dieser besondere Ort, das Chateau d’Orion. Das Außergewöhnliche dieses Schlosses ist eine Geschichtsträchtigkeit, welche persönlich berührt. Die vergangenen Besitzer und Bewohner, die in den unterschiedlichsten Epochen so eng mit den politischen und künstlerischen Strömungen ihrer Zeit verschlungen waren, sind durch viele kleine und große Erinnerungsstücke noch immer präsent und lassen einen begreifen, wie sehr man doch selbst Kind einer spezifischen Epoche ist und wie einen diese und die vorangegangen formen. Dies ist allein schon eine prägende Erfahrung und macht einen zugleich empfänglich über größere Zusammenhänge nachzudenken.
Und dieses Nachdenken war ebenfalls besonders in Orion, geschuldet sicherlich zum einem dem Referenten Rüdiger Safranski, aber auch der besonderen Konstellation der Gruppe. Die Gespräche uferten nicht zu philosophisch-literarisch Vorlesungen aus, liefen aber auch nie Gefahr sich in Belanglosigkeiten zu verlieren. Die unterschiedlichen beruflichen und sozialen Hintergründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer lieferten immer wieder neue Anregungen und zeitweise hatte man das Gefühl, dass hier eine Gesellschaft in nuce diskutiert. Es ist doch etwas anderes über Nietzsche zu sprechen, wenn Philosophen unter sich sind oder wenn ein Manager nach der Relevanz dieses Denken für das heutige Leben fragt. Und dies tut den Gesprächen gut, sie gewinnen an Lebendigkeit und Prägnanz. Der Philosoph ist gezwungen sich mit dem praktischen Leben stärker auseinander zusetzen und betriebswissenschaftlich geprägte Leute setzen sich mit Themen auseinander, welche Möglicherweise nur selten ihr alltägliches Leben interferieren.
Für mich als Studierenden war es eine wunderbare Erfahrung, soviel intensive Zeit mit Rüdiger Safranski persönlich verbringen zu können, vielmehr als nur anderthalb Stunden Seminar oder Vorlesung und dann wieder das Eintauchen in die Anonymität. Seine Leidenschaft und Begeisterung für Literatur und Philosophie, die auch noch in den alltäglichen Dingen des Lebens zu spüren ist, ist infizierend. Sein kreativer, ästhetisch geschulter Umgang mit Sprache und seine Vortragstechnik sind für mich zu Referenzwerten geworden. Wann hat man schon einmal die Möglichkeiten mit seiner Professorin oder seinem Professor darüber zu reden, wie sie ihre oder er seine Arbeit organisiert, wie Ideen archiviert werden oder man das Schreiben eines Buches organisiert. Diese Informationen, angereichert durch den üppigen Erfahrungsschatz von Rüdiger Safranski, sind für mich besonders wertvolle Erinnerungen.
Diese drei Faktoren, der besondere Ort Chateau d’Orion, die facettenreiche Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und der persönliche Kontakt zum Referenten, machten die Denkwoche in Orion für mich zu einem unvergesslicher Erfahrung, deren Nachhall ich noch lange spüren werde. Darüber hinaus haben die gelebte Gastfreundschaft und die ungekünstelte Herzlichkeit von Elke Jeanrond-Premauer und ihrem Team mich stark beeindruckt und sind für mich vorbildhaft geworden. Und da Summe mehr ist als die Teile, bleibt am Ende dieses Textes dennoch das Gefühl, dass das Wichtigste der Erfahrung Orion zwischen den Worten hindurchgerutscht