„Denken und Leben – ein Spannungsverhältnis“ mit Rüdiger Safranski

©Lars Boesel

von Claudia C., Jurastudentin

„Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt.“ Mit diesem Zitat von Gottfried Benn kündigte sich die Denkwoche an, zu der ich im August 2006 auf Einladung von Elke Jeanrond-Premauer als studentische Teilnehmerin reiste. Ich stand am Ende meiner juristischen Ausbildung und sollte bald den Weg ins Berufsleben beschreiten – und da traf die Thematik mitten ins Schwarze. In meinem Studium wurden Fragen ethischen und philosophischen Formats nur sehr vereinzelt und oberflächlich, vor allem aber ohne jeden persönlichen Bezug zu uns Studierenden als Individuen aufgeworfen. Und erst auf der Schwelle zum Berufleben, in dieser Umbruchsituation, hatte ich diesen Mangel bemerkt, als es nun konkret darum ging, wo und wie ich meinen Platz in der Gesellschaft finden würde.

In den Tagen im Château d’Orion war nun eine Auseinandersetzung mit all diesen Fragen möglich. Der Ort bot einen geschützten Rahmen, in dem ein Diskurs auf sehr persönlicher Ebene stattfand. Sicherlich trug dazu die herzliche Gastfreundschaft von Elke Jeanrond-Premauer genauso wie die aufmerksame Art Rüdiger Safranskis und die fein ausgewogene Moderation durch Dieter Hess aber auch jeder einzelne Teilnehmende bei. Rüdiger Safranski erwies sich als ein wahrer „Philosoph zum Anfassen“ in seiner herzlichen Art, allen Teilnehmenden offen zu begegnen. Dieses Erlebnis war mir aus der Universität, aus dem Vorlesungssaal mit 150 anderen Studierenden, vollkommen unbekannt und beeindruckte mich umso nachhaltiger. 

Der Diskurs wurde durch die Vielfältigkeit der Teilnehmenden aus den verschiedenen Generationen aber auch aus unterschiedlichsten beruflichen Kontexten sehr bereichert. Die Sichtweisen eines Managers, eines Psychologen, einer Journalistin, um nur einige zu nennen, kennenlernen zu dürfen, habe ich als sehr fruchtbar erlebt. 

Brücken wurden geschlagen – von der Theorie zur Praxis und zwischen den Disziplinen – die mir in der schulischen oder universitären Ausbildung weitestgehend gefehlt hatten, in der jede Materie für sich gelehrt wurde. Hier nun fügte sich alles zusammen, offenbarte seine Vielseitigkeit aber auch seine Bruchstellen. 

Die ungezwungene Atmosphäre ermöglichte es mir, Fragen zu stellen und Gedanken zu äußern, auch ohne Expertin des Faches zu sein, und nicht zuletzt, mir Wissen aus den vielfältigsten Bereichen ganz nebenbei, im Diskurs, anzueignen und meinen Horizont zu weiten. 

Dies alles wirkte umso intensiver vor dem Hintergrund des liebevoll hergerichteten Château d’Orion, das eingebettet in die Landschaft des Béarn liegt. Die besondere, inspirierende Stimmung, die vom diesem Ort ausgeht, ist in jedem Moment und jedem Detail spürbar. So gibt es im Gebäude überall Hinweise auf die literarische Vergangenheit des Ortes zu entdecken und Elke Jeanrond-Premauer erweckt diesen besonderen Geist des Hauses mit Lesungen oder musikalischen Beiträgen am Abend zu neuem Leben. 

Der Ort beeindruckt neben seiner Historie auch durch seine landschaftliche Schönheit. Wir erkundeten beides bei einem Ausflug nach Pau auf den Spuren Heinrich Manns.

Kulinarisch wurde die Denkwoche mit lokalen und liebevoll zubereiteten Speisen abgerundet und im Rahmen dieser Tafelrunden gingen die vorherigen Diskussionen oftmals noch lange weiter.

Die Denkwoche auf Schloß Orion war für mich ein Lernen mit Kopf und Herz und allen Sinnen. Ich habe viel Inspiration, Wissen und einige Kontakte zu den anderen Teilnehmenden gewonnen und eine wunderbare Erfahrung machen dürfen.

Tobias Premauer