"Was braucht der Mensch?" Teil 1
„Altes Holz, um Feuer zu machen, alte Bücher, um es sich um das Feuer herum gemütlich zu machen, alte Freunde, auf die man sich verlassen kann.“
Das war einer der ersten Kommentare zu Beginn unserer Denkwoche, die sich mit der Frage Was braucht der Mensch? beschäftigte. Wenn uns das genügen würde, dann hätten wir uns mit dem Château d’Orion genau den richtigen Ort ausgesucht. Für eine Woche sind wir inmitten der Pyrenäen zusammen gekommen, um uns mit ZEIT-Redakteurin Elisabeth von Thadden dieser Frage zu nähern. Jeden Abend saßen wir im Speisesaal um den großen runden Tisch herum, erzählten uns Geschichten und hinter uns brannte der Kamin, erfüllte den Raum mit Wärme. Die Geschichten waren jedoch nicht nur hier präsent, sie flüsterten uns auch aus allen Ecken und Wänden des Schlosses zu. Geschichten von Menschen, die hier gelebt oder die einfach nur für eine Weile hier gerastet hatten. Geschichten von Begegnungen und Ereignissen. Manche lustig, manche traurig, manche faszinierend und inspirierend.
Es war also eigentlich alles da, was wir brauchten: das Feuer, die Geschichten und die Menschen. Und doch fühlten wir uns von Zeit zu Zeit unbehaglich. So einladend und gemütlich dieser Ort doch war, wussten wir auch, dass da draußen eine ganz andere Realität herrscht. Menschen, die in Strömen nach Europa kommen, heimatlos sind, sich fremd fühlen und unter extremen Bedingungen leben. Es ist ein ungutes Gefühl zu wissen, dass andere Menschen weit, sehr weit, von einem guten Leben entfernt sind. Kann man eine solch idyllische Woche mit diesem Wissen überhaupt noch genießen? Vielleicht kann man sagen, dass wir uns hier in den Räumen, mit dem Kaminfeuer und der menschlichen Wärme nährten, uns austauschten, inspirieren ließen und stärkten, um dann wieder raus in die Welt zu gehen und diese Wärme an andere weiter zu geben.
Die Frage Was braucht der Mensch? bekommt vor diesem Hintergrund jedoch eine ganz andere Bedeutung. Über was reden wir, wenn wir uns fragen, was der Mensch braucht? Es scheint, nicht mehr darum zu gehen, was der Mensch braucht, um glücklich zu sein, sondern darum, was er braucht, um überleben zu können, um ein Mindestmaß an Zufriedenheit zu haben.
Und was schreiben wir auf die Liste der Dinge, die wir brauchen? Handelt es sich um materielle Güter? Essen, einen Schlafplatz, eine saubere Toilette? Oder handelt es sich vielmehr um Dinge wie Freiheit, ein Recht auf Selbstbestimmung, Liebe? Und ist es überhaupt sinnvoll eine Liste des Brauchens zu machen? Ist es nicht vielleicht sinnvoller, von einem allgemeinen Ansatz für ein gutes Leben auszugehen, statt eine Liste verschiedener Güter aufzustellen?
Wir wussten sehr schnell, dass wir wie all die Denker vor uns keine allgemeine Antwort finden können, aber wir wollten uns dennoch auf den Weg machen und uns verschiedene Antwortmöglichkeiten anschauen. Auf unserem Weg kamen wir an Robert und Edward Skidelsky, Eva Illouz, Martin Seel, Hartmut Rosa, John Maynard Keynes, Martha Nussbaum und schließlich Leo Tolstoi vorbei.
Eine Frage, auf die wir während dieser Woche immer wieder stießen war, wen wir uns eigentlich vorstellen, wenn wir darüber nachdenken, was der Mensch braucht. Uns selbst, einen geliebten Menschen, einen Flüchtling, einen Mensch in einem anderen Land, ein Kind, einen Alten oder einen fiktiven Mensch in der Zukunft? Es scheint zu viele verschiedene Maßstäbe zu geben, an der wir die Frage, was der Mensch braucht, messen müssten. In diesem Sinne hat es Brecht mit seinem Gedicht Der Zettel des Brauchens vielleicht ganz gut auf den Punkt gebracht.
Auf den kommenden Seiten lassen wir diese intensive Woche Revue passieren und einige Teilnehmer der Denkwoche mit ihren Antworten auf diese schwierigen Fragen zu Wort kommen. Viel Vergnügen!
Annika F.
Was braucht der Mensch
und was brauchst du als Mensch zum Leben? Die Balance zwischen den Dingen:
Sicherheit / Freiheit
Natur / Kultur
Allein sein / Zusammen sein
Armut / Reichtum
Hungrig sein / Satt sein
Vergangenheit / Zukunft
Leben / Tod
Welchen Menschen stellst du dir dabei vor?
Meine Geschwister, enge Freunde, meinen Partner. Überwiegend Menschen mit denen ich mich vergleiche, die in einem sehr ähnlichen sozialen Kreis leben und ähnliche Vorstellungen von einem guten Leben haben. Wenn ich mir dann Menschen aus anderen Weltenvorstelle, fällt mir auf, dass man oft meint Dinge zu brauchen, die man gar nicht braucht.
Welche Begegnung oder welches Erlebnis während
dieser Woche hast du in besonderer Erinnerung
behalten?
Das Lächeln meines Vaters auf einem Bild das Lars
eingefangen hat. Die Erkenntnis, dass Geschichten die Welt bereichern, aber dazu führen dass die Akteure sich ständig miteinander vergleichen oder sich aneinander messen.
Mein persönliches Gedicht von Elke überreicht: “Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste, hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblickt, Und es neigen die Weisen oft am Ende zu Schönem sich.”
Auf die ein oder andere Art und Weise streben wir alle nach dem Glück, doch ist das überhaupt so wichtig?
Das Glück klingt wie die Erleuchtung - Ich glaube, diese Dinge anzustreben, bedeutet schon, dass man sie nicht erreichen wird. Es ist ein Anfang, wenn man versucht sich glücklich zu fühlen, glücklich zu sein und Freude am Leben auszustrahlen. Glücklich ist der, der sich nicht alleine fühlen muss auf dieser Welt. Mit Menschen zusammen zu sein, die man liebt und die einen auf allen Wegen begleiten - Menschen, Tiere, oder auch Dinge, die einen aus schlechten Zeiten retten.
Was ist die Basis für ein gelingendes Leben, und was braucht es dafür: bestimmte materielle Güter oder immaterielle Tugenden?
Es braucht einen Ort, an dem man sich zu Hause fühlt mit Menschen, die einem wichtig sind und von denen man lernen kann. Es braucht Neugier und Gesundheit... Es braucht Lebendiges und Schönes.